TopBlogs.de das Original - Blogverzeichnis | Blog Top Liste Das Elixier der Jugend Ein fantastischer Roman: Zusammenfassung einiger Kurzgeschichten

Zusammenfassung einiger Kurzgeschichten

Urlaub von der Zeit 

 Die Maklerfirma hatte nicht zu viel versprochen. Es war ein so richtiges kleines verwunschenes Schloss, so wie manche von uns es noch aus Märchen glücklicher Kindertage kennen. Im Allgemeinen passen aber Wunder und Märchen nicht mehr in das Image von uns modernen Menschen. Doch wenn wir damit konfrontiert werden, so ist die Wirkung, die sie auf uns erzeugen umso nachhaltiger, da wir solche Sachen ja nicht gewohnt sind. Da geht es uns ähnlich wie jemandem, der nie in seinem Leben Alkohol getrunken hat und dem das erste Schlückchen eines leichten Landweines gleich einen Schwips produziert. Einen solchen Weinseligkeit bekam auch der junge Dr. Stefan Strasser, der auf Drängen seiner Freundin Antonella Peruggi mit ihr hierher in die Toscana gefahren war um zwei unbeschwerte Wochen zu verbringen. Antonella war eine richtige italienische Schönheit, die, zweisprachig aufgewachsen, nach einer gescheiterten Ehe, in Deutschland als Dolmetscherin arbeitete. Obwohl sie nach der bitteren Erfahrung keine neue Beziehung mehr eingehen anstrebte, war sie jetzt hier mit Stefan. Stefan war Oberarzt an einer internistischen Forschungsabteilung der Charité in Berlin, die sich mit der Wirkung von Phytopharmaka auf bekannte Infektionskrankheiten befasste. Seine Neigung zu den sog. alternativen Heilmethoden, die er nebenbei untersuchte und wissenschaftlich zu erklären versuchte, war damit durchaus vereinbar. Es war eine eigenartige Schicksalsverknüpfung, die beide verband, vor allem, wenn man die vielen Punkte bedachte, die gegen die Verbindung sprachen: Er protestantisch, aber nicht so richtig, obwohl er nicht ungläubig genannt werden konnte, und Sie erzkatholisch, obwohl so weit aufgeklärt, dass sie durch eine von den Familien getroffenen Fehlentscheidung, ihre Ehe mit Sardo, nicht ihr junges Leben ruinieren wollte. Trotz allem würde sie ein zweites Mal nicht ohne den Segen der Kirche heiraten. Das waren auch die Gründe, weswegen Stefan und Antonella trotz einer bilderbuchhaften lovestoryähnlichen „Liebe auf den ersten Blick“ und einer jetzt schon zwei Jahre währenden „Probezeit“, noch nicht verheiratet waren. Obwohl Stefan sie immer wieder drängte vor einer Annullierung ihrer ersten Ehe, was nicht so und einfach ist, war gar nicht an Heirat zu denken. So lebten sie beide, obwohl sie es eigentlich nicht wollten, in einer für die heutige Zeit jedoch absolut normalen „Beziehung“. Das war wohl auch der Grund, weswegen Antonella, die natürlich alle Verhandlungen führte, Stefan immer nur als „Mio marito (meine Mann)“ bezeichnete. Schmunzelnd tolerierte er es, denn etwas italienisch verstand er schon. Doch er ließ es nicht nur zu, sondern er fühlte sich gleichsam geschmeichelt und bei der erstbesten Gelegenheit verblüffte er Antonella, indem er, zwar in einem abenteuerlichem Strasser-Italienisch, von ihr als „mia moglie (meine Frau)“ sprach. Der Palazzo der Contessa Francesca de Montalban, lag auf einer Anhöhe in der Nähe von Crepuscolo, eines winzigen Dörfchens unweit von Pistoia. Alleine die Fahrt dorthin reichte bei Stefan für den besagten Schwips. Antonella, die in dem nahegelegenen Montecatini Terme aufgewachsen war, vertrug da schon etwas mehr. Trotzdem genoss sie genauso wie Stefan die Fahrt, die einer Besichtigung eines riesigen Gartens gleichkam. Um Pistoia herum findet man wegen des bevorzugten Klimas unzählige Baumschulen. Jetzt, gegen Ende Juni war es die schönste Zeit. Weite Reihen blühender Oleanderbüsche wechselten mit Buchsbaumanpflanzungen in den unterschiedlichsten Formen und Größen. Dazwischen fanden sich wieder farbige Tupfer von Rosenfelder und eigenartigerweise wie Zinnsoldaten aufgereihte deutsche Blautannen. Riesige blühende Magnolienbäume standen ganz selbstverständlich als Straßenbäume am Rande eines Kornfeldes. Jasmin und Lorbeer, Gummibäume und Palmen. Es war einfach umwerfend. Dazu dieser Duft von all den vielen Pflanzen, der selbst auf den größeren Verkehrsstraßen die Autoabgase übertönte. Hinzu kam noch ein eigenartiger Räuchergeruch, der in Antonella sagte: „Sei nella tua terra sei re. (Das ist dein Land, deine Erde Du bist wieder zu Hause)“. Dieser Geruch rührte von den alten Gräsern und Zweigen her, die immer wieder mit riesigen Qualmwolken verbrannt wurden. Hier aber war offenbar jedes einzelne Kraut derart mit ätherischen Ölen vollgepumpt, so dass das, was bei uns in Deutschland manchmal schlicht und einfach stinkt, hier weihrauchartigen Wohlgeruch hinterlässt. Das letzte Stück der Fahrt ging durch einen kleinen Wald, der nach den sonnendurchfluteten Gärten eine angenehme Kühle ausströmte. 

Die Auffahrt für sich war, wie in Italien selbst bei einfacheren Landhäusern üblich, eine mit Zypressen eingesäumte endlos lange Allee. Die Contessa hatte sich schweren Herzens entschlossen einen Flügel des sonst von ihr selber bewohnten Palazzos zu vermieten. Der Unterhalt war bloß zu teuer. Doch sie tröstete sich mit dem Gedanken, dass dieser Palazzo ja früher ständig Gäste beherbergte – nicht zahlende allerdings. Doch wo war da der Unterschied. Auch die früheren Gäste trugen in irgendeiner Form und sei es nur durch die Verbesserung der familiären oder freundschaftlichen Beziehungen zum Unterhalt des Anwesens bei. Contessa Francesca war eine gebildete freundliche ältere Dame, die nach dem Tode ihres Mannes alleine mit einem bejahrten Dienerehepaar lebte. Ihre einsamen Abende wurden nur durch den Gott-sei-Dank nicht zu seltenen Besuch des Hausarztes der Familie, Dott. Enrico Artusi, aufgeheitert. Antonella hatte sie mit ihrem „marito tedesco“ sofort ins Herz geschlossen und auch dem jungen Paar war die Gesellschaft der alten Dame, die beide fast jeden Nachmittag zu einem köstlichen Capuccino einlud, nicht unangenehm . Dabei war es gar nicht die Art der Contessa so schnell Bekanntschaften zu machen. Im Prinzip hatte Stefan ja vorgehabt sich von Antonella die ganzen Sehenswürdigkeiten der Umgebung zeigen zu lassen. Doch als in Vinci, dem Heimatort des berühmten Leonardo, kurz nachdem sie angekommen waren, drei Touristenbusse ihre äußerst unangenehme Last abkippten, hatte er ein für alle mal genug davon. So fuhren sie bloß in der Gegend umher und sahen in diesem gesegneten Fleckchen Erde an winzigen Feldwegen manchmal richtige Kunstwerke. Einer der an Häusern und Weggabelungen obligatorischen kleinen, stets mit Blumen geschmückten, Madonnenaltare barg ein Kleinod von einem Fresko. Das zarte teils verblichene Bild wirkte in der Einsamkeit und Ruhe der Natur und dem milden leicht diesigen Licht der Abendsonne derartig stark auf den vom Madonnenkult nichts haltenden Stefan, dass dieser so lange in sich versunken stehenblieb, bis Antonella rief „Andiamol Wir wollten doch noch nach Pistoia!“ In dem Städtchen steuerte sie dannzielsicher auf eines dieser den Männern stets unheimlichen Dessousgeschäfte zu und verschwand darin nach seinem Zeitgefühl für etliche Stunden. Sicher, sie hatte ihm gesagt, sie wolle einen BH und ein Nachthemd kaufen, doch er verkannte den Schwierigkeitsgrad dieser Aktion. Das Resultat erfreute ihn am Abend trotzdem, doch würde er nie verstehen, wie so wenig Stoff so viel Geld kosten kann. „Wart Ihr schon in unserem bosco santo“, was so viel wie heiliger Wald oder heiliger Hain hiess, fragte die Contessa eines Nachmittags beim Capuccino, Als sie verneinten erklärte sie den etwas versteckten Weg zu dem besonderen Waldstück in dem den Palazzo umgebenden Wald. Es gibt dort auch eine Quelle „La fonte die Jove“ (Die Jupiterquel-le), die exzellentes Wasser führt. Ich meine sogar, es hat Heilkräfte. Mauro, mein Diener holt dort regelmäßig unser Trinkwasser. „Was meinen, Sie mit Heilkräfte, Contessa?“ Fragte Stefan. Sun ich weiss nicht so recht, ich bin der Überzeugung, dass es mir auf jeden Fall tut. Ich trinke es seit meiner Kindheit und war noch nie in meinem Leben ernsthaft krank. Wie alt schätzen Sie mich eigentlich, mein lieber junger Dottore?“ Ohne so geschniegelt höflich wirken zu wollen, antwortete Stefan frei heraus: „Sie sehen bemerkenswert gut aus und es fällt mir schwer ihr Alter zu schätzen. ich denke so um die 60 Jahre.“ Ich bin 83 Jahre alt Dottore.“

„Heiliger Hain und Jupiterquelle! Ich glaube, ich lebe nicht mehr in unserer Zeit.“ brummelte Stefan auf dem Wege. Dennoch war er voller Entdeckerfreude auf das, was ihn erwartete. Wie es aussieht handelte es sich hier um eine alte heidnische Kultstätte. Diese wiederum befanden sich fast immer an bevorzugten Orten. Er verstand zu wenig von geopathischen Einflüssen und zuviel Scharlatanerie hatte sich darum herumgerankt. Doch ein zwei halbwegs wissenschaftliche Arbeiten, die sich mit der Lage von einigen unser großen Kulturdenkmäler befassten, hatten zumindest sein Interesse geweckt. Stonehedge lag an einem solchen Ort und auch die Kathedrale von Reims... Antonella war schon vorausgegangenen und beabsichtigte an der Quelle auf ihn warten.Als Antonella die Quelle erreichte hatte sie ein ganz eigenartiges, jedoch sehr angenehmes Gefühl. Alles kam ihr so bekannt und vertraut vor. Das Wasser sprudelte einfach aus einem Löwenkopf hervor, der sich geheimnisvoll in den Felsen einfügte, in eine große steinerne Schale in Muschelform. Sie sah ihr Spiegelbild im Wasser. „Sah sie wirklich so jung aus? Das muss das Licht sein“ dachte sie. „Gestern Abend im Spiegel habe ich bedeutend älter ausgesehen.“ „Und da, was war das, war das nicht ihre alte Schulfreundin Julia, die sie seit Jahren nicht mehr gesehen hatte?“ Antonella war so mit den neuen Erfahrungen beschäftigt, dass sie die leichte Veränderung in ihrer Umwelt gar nicht bemerkte. „Wo bleibt nur Stefan?“, dachte sie noch, doch dann fühlte sie sich von einem angenehmen leichten Schleier umfangen, wie man ihn spürt, wenn man trunken vor Freude in den Schlaf sinkt. „Contessa“, rief Stefan der Contessa schon von weitem zu, „Contessa, haben Sie Antonella gesehen?“ Sein, die ist Ihnen doch vorausgegangenen und wollte Sie an der Quelle treffen.“ Sie ist aber nicht da.“, entgegnete Stefan aufgeregt. Setzen Sie sich erst einmal zu mir und dem Dott. Artusi und dann werden wir überlegen, was wir erreichen können.“ „Du hast die jungen Leute ohne Begleitung zu der Quelle gehen lassen? Wie unvernünftig von Dir, mia Cara!“, sagte Dott. Artusi zu der Contessa, glücklicherweise auf Italienisch, so dass Stefan ihn nicht verstand. Nachdem Antonella innerhalb von 2 Stunden immer noch nicht auftauchte, entschloss sich Stefan, die Carabinieri zu rufen. Dott. Artusi wandte zwar ein, dass dies nicht viel nützen würde, Landstreicher oder gar wilde Tiere, die ihr etwas angetan haben könnten, gebe es hier nicht, kurzum Antonella müsse hier in der Gegend sein. Doch damit richtete er verständlicherweise überhaupt nichts aus. Der kommandierende Offizier, eine imposante Erscheinung mit einem riesigen Schnurrbart, kam mit zwei Beamten und nahm erst einmal alles umständlich zu Protokoll. Er tat dies aus Respekt vor der Contes-sa, dessen Gäste Stefan und Antonella ja waren, entgegen der Gepflogenheiten hier vor Ort und nicht in seinem Revier. Danach durchkämmten sie, unterstützt von einem deutschen Schäferhund, auf den sie sehr stolz waren, sorgfältig das kleine Waldgebiet Wie Dott. Artusi vermutet hatte ohne Erfolg.

Bei Einbruch der Dunkelheit verabschiedete er sich mit einer Geste des Bedauerns und dem sicher freundlich gemeinten Rat an Stefan, er solle die Hoffnung nicht aufgeben. Er habe noch ganz andere Fälle von verschwundenen Personen erlebt, die dann plötzlich wieder auftauchten. Eine Erklärung für die Zwischenfälle habe es nie gegeben. Stefan nützte dies herzlich wenig. Nach einer durchwachten Nacht durchstreifte er rastlos die ganze Gegend und suchte all die Orte auf, die sie gestern zusammen besucht hatten. Vor dem kleinen Madonnenbild verweilte er wieder eine ganze Zeit und ertappte sich dabei, wie er als Protestant auf einmal die Madonna um Hilfe bat Wie wir alle, die wir das, was wir besitzen, wenn man bei einem Menschen überhaupt von Besitz sprechen kann, merkte er erst jetzt durch die Abwesenheit von Antonella, wie viel sie ihm eigentlich bedeutete. Er riss sich von dem kleinen Feldaltar los und kehrte, er wusste nicht zum wievielten Male, zu der Quelle zurück. Wie jedes Mal ging von dem Ort eine eigenartige Faszination aus und er fühlte sich ein wenig unheimlich. Müde und enttäuscht von der fruchtlosen Suche schlug er schließlich den Weg zum Palazzo ein. Im Garten begegnete er Dott. Artusi, der ihn zu seinem Erstaunen in einem leidlichen Deutsch ansprach. „Sagen Sie Herr Artusi, was meinten Sie damit, Antonella sei bestimmt noch hier und was ist mit dieser Gegend eigentlich los? Alles er-scheint mir so geheimnisvoll und unwirklich. Die Contessa zum Beispiel sagt, Sie sei 83 Jahre alt. Das kann ich mir ein-fach nicht vorstellen. Gewiss will sie sich nur wichtig machen, obwohl sie es eigentlich nicht nötig hat.“ „Lieber Kollege, die Contessa hat nicht gelogen, ich weiss das sehr genau. Alle Anwohner hier erreichen im übrigen ein sehr hohes Alter. Das mag an dem gesunden Klima dieser Gegend mit all den vielen Heilquellen und Grotten liegen. Nicht umsonst hat ja der König Vittorio Emanuele Anfang des Jahrhunderts Montecatini Terme gewissermaßen aus dem Boden stampfen lassen. Man könnte sagen dass das Märchen vom Jungbrunnen hier bei uns entstanden sein muss.“ Nun das mag ja sein, aber was hat das mit dem Verschwinden meiner Frau zu tun?“ „Ich denke schon, dass es da eine Verbindung gibt, doch setzen wir uns erst einmal.“ Sie waren in einem schattigen Teil des Gartens angelangt und setzten sich auf eine kleine Steinbank an einem Goldfischteich. Alles könnte so wunderbar sein, dachte Stefan, wäre doch Antonella nur hier. Wieder spürte er die schmerzliche Leere in seinem Innern und musste gegen die Tränen ankämpfen. „Bitte spannen Sie mich nicht länger auf die Folter, Herr Artusi. Dafür ist mir die Sache zu wichtig.“ Das glaube ich wohl und wenn Ihre Gefühle für Antonella derart ausgeprägt sind, wie ich vermute und hoffe, so glaube ich, dass noch nichts verloren ist. Ich habe da eine ganz eigene Theorie, die Ihnen aber sicher ein wenig verwunderlich erscheinen mag. Doch sie ist das Einzige, was uns bleibt.“ Hoffentlich kommt er jetzt nicht mit einer dieser grauenhaft kitschigen Vampirgeschichten an“, dachte Stefan verzweifelt. Es war als ob der Dott. seine Gedanken lesen könnte, denn er sagte: „Es ist dies und insbesondere der bosco santo eine sehr geheimnisvolle Gegend, aber wir befinden uns in der Toscana und nicht in Transsylvanien. Der Graf Dracula hat ihre Frau ganz bestimmt nicht geraubt. Noch dazu ist sie ja, so viel ich weiß, am helllichten Tage verschwunden und nicht bei Nacht. „Gott sei Dank“, dachte Stefan und bat Dott. Artusi ihm doch endlich seine Theorie darzulegen. 

„Als ich in diese Gegend kam, war ich, wie fast jeder Arzt, von den Heilerfolgen fasziniert. wie bei den meisten Kurbädern sind sie nicht durch einfache Analysen der Wässer oder des Fangos zu erklären. An Wunder gleichsam am Fließband glaube ich aber auch nicht. Als ich dann in die Dienste der Contessa trat, fand ich in ihrer Bibliothek einige Schriften über den bosco santo und die Fonte di Jove. Es war dies, wie ich vermutet hatte, in vorchristlichen Zeiten ein sakraler Ort. Sicher stand auch mal ein Tempel hier, doch das tut nichts zur Sache. In späteren Zeiten wurde dann, genau wie der Tenente der Carabinieri es sagte, aber sicher anders gemeint hat, immer wieder vom mysteriösen Verschwinden von Personen berichtet, die dann häufig wieder auftauchten. Leider allerdings nicht alle. Der Heileffekt und die angeblich Zell-verjüngung hat meiner Meinung nach indirekt damit zu tun. in den Kurstätten wie Montecatini mit seinen Wässern und Monsumano mit seinen Grotten wirkt eine ganz besondere Kraft, die meiner Meinung nach nur teilweise durch das Substrat Wasser übermittelt wird. Es ist der Ort selber. Allerdings liegen diese Kurstätten nicht im eigentlichen Zentrum. Das ist hier an der Fonte di Jove. Wie kommt nun aber diese Wirkung zustande? Wir sind uns doch sicher einig darüber, dass die Zeit ein entscheidender Faktor für die Zellalterung und auch für das Entstehen zumindest von chroni-schen Krankheiten ist. Die Zeit das wissen wir erst seit Einstein, die Alten haben es sehr viel früher erkannt verläuft nun aber nicht so gradlinig, wie wir es im Allgemeinen vermuten. Die Zeit selber kennt weder Vergangenheit noch Zukunft und jeder von uns hat zudem seine ganz individuelle Zeit. An Orten wie diesem hier wurde der Heilschlaf durchgeführt, Initiationen eingeleitet und Wahrsagungen ausgesprochen. Durch einen geänderten Bewusstseinszustand konnte und kann man gewissermaßen mit der absoluten Zeit in Kontakt kommen. Durch Meditation und Trancezustände, die durch nichts weiter als einen Blick in ein spiegelndes Wasser erreicht werden können, tritt man dann sozusagen aus der allgemeinen Zeit heraus und verbleibt für die Dauer der Trance in seiner ganz individuellen Zeit. An solchen Orten wie diesem hier, nennen wir es Orte der Kraft, kann es dann soweit kommen, dass man für diejenigen, die in der allgemeinen Zeit verblieben sind, nicht mehr existent ist. Man befindet sich in einer, ich nenne das „Zeitblase“. Sie wollen damit sagen“, entgegnete Stefan entgeistert, „Antonella befinde sich in einer Zeitblase?“ „Genau. Es klingt zwar abenteuerlich, aber eine bessere Beschreibung habe ich für dieses Phänomen nicht,“ Stefan war bereit fast alles zu akzeptieren und sämtliche Gesetze der Logik und der Physik zu ignorieren, wenn sich damit für ihn nur die geringste Chance bot, Antonella zurückzuholen. Allerdings, so abenteuerlich die Theorie von Dott Artusi auch klingen mochte, so ganz gegen die Gesetze der Physik war sie nun auch wieder nicht. Doch viele abstruse Gedankenkonstruktionen bedienen sich des Vehikels anerkannter aber schwer zu verstehender physikalischer Theoreme, um dann damit eine Begründung zu schaffen. Dies verläuft dann nach dem Prinzip. die Erde dreht sich um die Sonne, es gibt folglich Tag und Nacht, Du bist hier mit mir zusammen in dem Raum bei geschlossener Tür, also musst Du durch die Wand hindurchgetreten sein. Die Möglichkeit dass die Tür vorher geöffnet gewesen sein könnte, wird völlig ignoriert, Wie dem auch sei, er musste die Theorie der „Zeitblase“ von Dott. Artusi vorerst akzeptieren, denn sonst würde er nicht mit ihm zusammenarbeiten können. „Wenn wir einmal Ihre Theorie akzeptieren wollen, was kann ich oder was können wir denn überhaupt tun, um meine Antonella aus dieser Zeitblase zu befreien?“ Nun befreien ist vielleicht nicht ganz das richtige Wort, denn Sie ist meiner Meinung nicht in dieser Blase gefangen, sie hat sie ja schließlich auch selber generiert. Natürlich war ihr das nur durch die hier vorhandenen Voraussetzungen möglich. Sagen wir vielmehr, was können wir zur Öffnung dieser Blase beitragen?“ „Nun gut, nennen Sie es wie Sie wollen, aber das sind doch Spitzfindigkeiten.“ „Calma, calma, mein lieber junger Freund. ich verstehe zwar ihre Ungeduld und hätte persönlich überhaupt nichts dagegen, ihr nachzugeben. Doch damit kommen wir nicht weiter. Ich muss Sie im Interesse Ihrer Antonella, oder sagen wir besser in Ihrem eigenen Interesse um etwas Geduld bitten.“ 

„Was heißt hier in meinem Interesse – und Antonella. Sie ist gefangen irgendwo zwischen hier und jetzt oder gestern und heute, will sagen zwischen den Zeiten. Ist das denn so unwichtig? Müssen wir sie da nicht in ihrem , Antonellas Interesse, herausholen?“ „Das sehe ich nicht so. Antonella geht es meiner Meinung nach gar nicht schlecht und ob sie aus dieser Zeitblase herauswill das ist noch die Frage. Wie dem auch sei, von entscheidender Bedeutung für das Gelingen des Unternehmens ist ihre absolute Aufrichtigkeit mir gegenüber. Vor allem gilt verantwortungsvoll zu ent-scheiden, ob wir überhaupt das Recht haben, Antonella aus ihrer Zeitblase herauszuholen!“ „Wie soll ich denn das verstehen? Meinen Sie im Ernst, sie fühlt sich dort u.U. so wohl, dass sie gar nicht zurückwill?“ „jetzt haben Sie endlich ka-piert Stefano. Deswegen fragte ich Sie auch Eingangs über die Intensität Ihrer Gefühle Ihrer Frau gegenüber und frage Sie jetzt noch einmal und bitte Sie, mir gegenüber ganz ehrlich zu sein, denn nicht nur Ihr Glück, sondern vor allem das Glück von Antonella hängt jetzt von der Aufrichtigkeit ihrer Antwort ab:leben Sie Antonella wirklich mit dieser verzweifelten Intensität, die ich bei ihnen nur zu gerne zu bemerken glaube?“ Auf einmal wurde Stefan jetzt ganz Ernst. „Ruhig entgegnete er. Sie meinen, wenn ich sie wirklich liebe, darf ich nicht nur an mich, sondern muss vor allem an Antonella denken. Ich muss abwägen, ob Antonella genauso wie ich wünscht, dass wir wieder zusammen sind.“ „Coretto! Das bedeutet, Sie müssten bereit sein im Interesse Ihrer Frau, auf deren Rückkehr in unsere Zeit zu verzichten. Dies ist keine leichte Entscheidung, die ich Ihnen auch leider nicht abnehmen kann. Ich kann ihnen vielleicht nur ein klein wenig helfen. Meinen Sie, dass sie so wirklich glücklich war oder dass andersherum gesagt, sie Sie so sehr liebt, um einen ge-wissen Mangel an Glück auszugleichen?“ So habe ich das bisher noch gar nicht gesehen.“, stammelte Stefan unbeholfen. Ich dachte immer, wir wären glücklich. Doch vielleicht – Herr Kollege, ich muss Ihnen etwas beichten. Antonella und ich, wir haben immer gegenseitig von uns als Frau und Mann gesprochen. Das ist streng genommen auch vollkommen richtig, denn wir fühlen uns so und leben auch danach, wir sind aber gar nicht verheiratet. Einfach aus dem Grunde, dass Antonella zwar standesamtlich geschieden ist, aber nach kirchlichem Recht noch als verheiratet gilt. Ich glaube schon, dass sie das mehr bedrückt, als sie zugibt. Andererseits bin ich fest davon überzeugt, dass sie mich ganz tief und aufrichtig liebt. Zu viele Hindernisse standen unserer Verbindung im Wege, die wir bis jetzt alle gemeistert haben. Ich verstehe nun, was Sie meinen. Antonella ist in einer Zeit, da es all diese Probleme noch nicht gab, einer Zeit des unbeschwerten Glückes. Vielleicht in ihrer Jugend, von der sie mir so oft mit leuchtenden Augen erzählt hat. Wenn dem so ist, so muss ich mich ernsthaft fragen, ob ich wie Sie sagen das Recht habe, sie wieder zurück in unser aller Zeit mit all dem Kummer und Leid aber auch mit all dem Glück zurückzuholen.“ „Die Art, wie Sie mir geantwortet haben“, sagte Dott. Artusi ganz sanft zu Stefan, wie wenn man zu einem schwer kranken Kind spricht, „diese Art hat mir gezeigt, dass Sie das Recht und auch die Pflicht haben, es zu tun, denn auf Euch wartet eine gemeinsame Zukunft und Glück und Leid gehören nun einmal zusammen, sie müssen sich nur die Waage halten.“ „Was schlagen Sie also vor Herr Kollege Artusi Nun im Grunde ist es ganz einfach. Sie, oder besser wir müssen nur zu der Quelle gehen und zwar haargenau zu der Zeit, an der Antonella ihren Zeitsprung machte. Dann müssen Sie versuchen in irgendeiner Form Kontakt zu ihr zu bekommen. Sie müssten also einfach meditieren. Nur müssen wir aufpassen, dass sie die Verbindung, die noch besteht, nicht ganz durchtrennen. Sie müssen also versuchen jeden negativen, jeden destruktiven Gedanken zu vermeiden und den Wunsch Antonellas wieder mit Ihnen zusammenzusein, der bestimmt vorhanden ist, so weit zu verstärken, dass sich die Blase öffnet Doch nun machen wir uns auf den Weg, denn ich glaube, gestern um diese Zeit ist Antonella zur Fonte gegangen.“ Auf dem Wege zur Quelle, fragte sich Stefan zum wiederholten Male, ob das, was ihm hier widerfuhr, wirklich real sei oder ob er alles nur träume. Wenn man ihm vor zwei Wochen etwas von Zeitblasen erzählt hätte, die seine Freundin fressen würden, würde er gar nicht weiter zugehört haben und jetzt macht er sich auf, um durch Meditation zur rechten Zeit am rechten Ort diese besagte Zeitblase zu öffnen, um seine Antonella wieder in die Arme schließen zu können. Doch, wenn man es recht bedenkt, leben nicht die meisten Menschen in einer solchen Blase ihrer eigenen Zeit nur für sich und unbemerkt von den anderen, als ob sie gar nicht existieren würden, da jeder nur an sich selber denkt? Nur Verständnis und Liebe sind in der Lage diese Kluft zu überwinden und die Blasen zu öffnen, damit man wieder aufeinander zugehen kann, ja dass man einander überhaupt erst noch einmal wahrnimmt. Sie waren nun fast an der Quelle angelangt und Dott. Artusi unterbrach seine Gedanken mit den Worten:“Es mag vielleicht ein wenig theatralisch klingen, aber irgendwie erinnert ihr beide mich an Orpheus und Euridike. Wie dort, ist Ihnen ihre geliebte Gemahlin vom Schicksal entrissen worden und wie dort, versuchen Sie nun, nur durch die Kraft ihrer Liebe befähigt sie wieder zu sich zurückzuholen. Doch dies ist nicht nur ein schöngeistiger Vergleich. Alle solche Legenden haben ja eine Moral, zeigen Fehler auf, die es zu vermeiden gilt. Normalerweise ist da nicht wie in Glucks Oper zum Schluss ein Deus ex Machina da, der alles doch noch zum Guten lenkt Sie wissen, dass ich bereit bin alles zu tun, doch kann ich mir nicht denken, wie mir das Beispiel des Orpheus helfen kann. Ich habe ja leider keine Auswahl, wohin ich schauen soll, so gibt es auch kein Ablenken.“ „Doch das gibt es sehr wohl und Sie haben auch nur einen Weg zu geben und Ihren Blick d.h. Ihre Gedanken nur in diese Richtung zu lenken. Denken Sie nur ganz fest an Ihre Antonella. Denken Sie an Ihre Liebe und vor allem.- vermeiden Sie negative oder destruktive Gedanken!“ 

 Nun saß Stefan am Rande der Steinschale und blickte starr in das Wasser. Gemeinsame Erlebnisse erschienen plötzlich an der Wasseroberfläche, schöne aber auch weniger schöne. Doch da war zum Glück Dott. Artusi da, der hellseherisch immer im rechten Moment rief. „Keine negativen Gedanken! Sie dürfen Antonella nicht erschrecken! Sie hat jetzt eine ganz verletzliche, wahrscheinlich kindliche Psyche. Sie würde sich sofort zurückziehen und um jede schlechte Erfahrung zu vermeiden, die sie u.U. schon ahnt, die Verbindung zu unserer Realität gänzlich unterbrechen.“„Positiv denken! Positiv denken! Gut und schön, die ersten Jahre ihrer Verbindung waren nach der honeymoonartigen Kennenlernzeit manchmal schon ziemlich hart gewesen. Sie hatten aber alle Belastungsproben gut überstanden und jede überwundene Schwierigkeit hatte ihre Beziehung nur gestärkt. War das nicht positiv? Doch unweigerlich musste man dabei ja auch an den durchlittenen Kummer denken – und das war natürlich weniger schön. Woran sollte er dann denken? An die gemeinsame Zukunft? Sicher, aber wie mag die aussehen? „Positiv denken!“, hämmerte es in ihm. Was war ihm, was war ihnen beiden in letzter Zeit positives widerfahren? Da fiel ihm auf einmal das Fresko der Madonna ein, dass auf ihn eine solche Ausstrahlung gehabt hatte. Er versuchte, es sich ganz deutlich vorzustellen. Die feinen, aristokratischen Gesichtszüge in den milden schon etwas verblassten Farben vermittelten eine demütige aber zutiefst würdevolle Ergebenheit in das Schicksal, getragen von dem absolutem Vertrauen in die göttliche Vorsehung. Auf einmal überkam ihn tiefe Ruhe, Zuversicht und Vertrauen in die Zukunft.„Nun ich denke für heute ist die Zeit um. Wir müssen dann wohl morgen noch einmal wiederkommen.“, unterbrach ihn Dott. Artusi. Da hörten sie auf einmal, aus einer hinter Ihnen gelegenen Hecke Antonellas Stimme. „Stefan? Bist Du da? Ich muss wohl eingeschlafen gewesen sein.“ In einer stillschweigenden Übereinkunft hatten die beiden Männer in diesem Moment beschlossen, Antonella nichts von der ganzen Aufregung zu sagen und sie im Glauben zu lassen, sie habe geschlafen. Aber einen ganzen Tag? Nun, wem ist es nicht passiert, dass er in den Ferien auf einmal nicht mehr wusste, ob es nun Dienstag oder Mittwoch war? Die Contessa wurde diskret vom Dottore über diese Übereinkunft informiert, der es auch übernahm die Vermisstenanzeige zurückzuziehen. Der Rest der Ferien verlief problemlos und Antonella schwebte im siebenten Himmel. Sie war hier in Ihrer Heimat, roch sie, spürte sie, hörte sie und ihr Stefan war auf einmal wie verwandelt. Schon lange hatte sie ihn nicht mehr so zuvor-kommend und liebevoll erlebt wie hier. „Das muss an dieser Gegend liegen“, dachte sie, womit sie nicht so ganz Unrecht hatte. Aber auch für Stefan war es eine herrliche Zeit Seine verloren geglaubte Antonella wieder bei sich zu wissen, hatte wirklich einen anderen Menschen aus ihm gemacht. Er glaubte jetzt an, nenne man wie es wolle, das Schicksal, die göttliche Vorsehung. Auf jeden Fall war er zu der Erkenntnis gelangt, dass die Schicksalsfäden mancher Menschen eng miteinander verflochten sind und dass man in diesem Falle alles tun müsse, um sie nicht entwirren zu lassen, da es beiden nur schaden würde. Diese Menschen müssen nicht gezwungenermaßen Mann und Frau sein, nein es kann eine gute, ehrliche Männerfreundschaft sein oder die Beziehung zwischen Eltern und Kind oder aber auch zwischen Bruder und Schwester. Wichtig vor allem ist die frühzeitige Erkenntnis, was man in dem anderen hat. Für seine Beziehung zu Antonella wäre es fast zu spät gewesen oder hatte sie wirklich einen ganzen Tag hinter der Hecke geschlafen? Möglich ist alles. Doch ist das jetzt überhaupt noch wichtig? Der Tag der Abfahrt war wie alle Abfahrtstage nach einer schönen Zeit nur zu schnell da. „Individuelles Zeitempfinden = individuelle Zeit..“, dachte Stefan. Nach überschwänglichem Abschied beschlossen sie nicht gleich auf die Autobahn zu gehen, sondern noch einmal die kleinen Straßen und Feldwege der letzten Tage langzufahren, um sich stumm von allen Bäumen und Sträuchern und der gesamten mannigfaltigen Tierwelt zu verabschieden und ihnen zu danken für die schöne Zeit, die sie hier verbringen durften. An einer der Baumschulen hielt Stefan an und kaufte ein winziges Rosentöpfchen. Antonella wollte sich schon bedanken, als Stefan zu ihrem Erstaunen sagte. „Die sind für eine andere Dame.“ Ihre Überraschung wuchs dann jedoch ins unermessliche als Stefan, ihr Stefan, vor dem Madonnenaltar anhielt, den sie beide so oft bewunderten und der ihn von Anfang an fasziniert hatte und das Rosentöpfchen in die dafür vorgesehene Nische stellte, stumm einen Moment vor der Madonna verweilte und dann wortlos einstieg und weiterfuhr. Es mögen nach diesem Urlaub noch so viele Jahre vergehen vergessen werden sie ihn beide ganz bestimmt nicht - ihren Urlaub von der Zeit.

Die Gartenpforte 

 Hab ich dir noch nicht erzählt, dass wir im Garten, in der hintersten Ecke, ganz mit Efeu und wildem Wein zugewachsen, ein Stück verfallene Mauer haben? Nein? Seltsam! Nun dann weißt du es jetzt! Jedenfalls befindet sich mitten in dieser Mauer eine kleine schmiedeeiserne Pforte. Ich wusste zuerst gar nicht, dass sie da ist, aber eines Tages habe ich sie durch Zufall hinter dem Pflanzendickicht entdeckt. Einfach so. Zuerst dachte ich, es sei ein alter Hinterausgang von unserem Garten, aber dann bemerkte ich an der Art, wie die Pforte in die Mauer eingelassen war, dass ein Eingang zu einem anderen Garten gewesen sein musste, dort wo sich jetzt das Nachbargrundstück befindet. Mauer und Zaun liegen aber gut einen Meter auf unserem Grundstück. Wie dem auch sei, aus irgendeinem, mir selber nicht klaren, Grund wollte ich sie aufmachen. Türen sind doch dafür da, dass man sie aufmacht, oder? Nur so zum Spaß – um einmal durch diese alte Pforte zu gehen. Klappte aber nicht, da das Schloss vollkommen verrostet war und ich auch keinen Schlüssel hatte. Also machte ich mich daran mit viel „Caramba“ und noch mehr Zeit sowie einem selbstgebastelten Dietrich, das Türlein aufzuschließen. Nach einigen Tagen, natürlich hab ich es pro Tag nur ein bis zwei Stunden versucht, als ich schn aufgeben wollte, machte es leise klick und das Schloss ging endlich auf. Ich weiß auch nicht, was mich trieb, denn hinter dieser Pforte befindet sich nach einem Meter der Zaun zum Nachbargrundstück. .Ich wollte aber partout durch diese kleine süße Tür gehen. Komisch, ich hatte richtig Lampenfieber und mein Herz pochte ganz doll, als sollte ich jetzt auf eine Bühne irgendeines Theaters treten. Vorsichtig öffnete ich die Tür, die sich mit quietschenden und knarrenden Geräuschen öffnen liess, wie in einem Edgar-Wallace –Film. Ich trat hindurch und – statt des Nachbarzaunes sah ich in einen bunten Garten, wie von diesem naiven französischen Maler gemalt, ach wie heißt er noch gleich, ja so wie der Philosoph, Rousseau glaub ich. Also riesengroße weiße und rote Flamingoblumen, Gummibäume und Palmen, bunte Schmetterlinge, Papageien und Affen. Nein ich hatte nichts „geraucht“ oder eine dieser bunten kleinen Kügelchen eingenommen! Ich ging da also hinein und nach gut zwanzig Metern eines verschlungenen Pfades sah ich einen bezaubernden alten Brunnen stehen. Er wirkte so wie in den Abenteuerfilmen von versunkenen Städten. Ich registrierte das zwar und wusste, dass das völliger Irrsinn sei, ging aber trotzdem weiter. In der Mitte über dem Brunnen, war ein bogenförmiger Eisenstab mit einem Rädchen und einer Kette zu sehen, offensichtlich zum Wasser schöpfen. Zwischen den beiden Enden des Metallstabes hatte sich eine Liane gewunden und auf der Liane schaukelte ein kleines Männlein mit langen weißen Bart. Er sah aus wie der Druide, der Asterix immer seinen Zaubertrunk kochte. „Hallo“, rief er, „da bist du ja endlich!“ „Jetzt reicht es aber!“, rief ich. „Ich bin doch nicht verrückt. „Dich gibt es doch gar nicht! Genauso wenig wie es diesen Urwald hier gibt!“ „Na dann beweise es doch! Ruf jemanden, der dich in deiner Auffassung bestätigt!“ „Das geht nicht!“ „Siehst du. Dann musst die mich auch akzeptieren.“ „Warum?“ „Weil sonst in fünf Sekunden das alles hier verschwindet bevor du sein Geheimnis erkundet hast. Also? Fünf, vier, drei...“ „Stop! Schon gut. Es gibt dich also. Aber unter Vorbehalt!“ „Hi. hi“, lachte e schrill, „von einer Existenz unter Vorbehalt habe ich auch noch nichts gehört!“ Dann schärfer: „Entscheide dich also. Bin ich oder bin ich nicht?“ „Gott im Himmel, woher soll ich das denn hier auf die schnelle entscheiden können. Du ist vielleicht eine Sinnestäuschung, eine Fata Morgana...“, antwortete ich. „Sind wir denn in der Wüste?“, rief er empört aus. Ich entgegnete: „Nein! Aber deine Antwort zeigt mir, dass du denkst – also bist du!“ 

„Oha, ein kleine Philosoph!“, rief er aus. „Aber ich habe mit Philosophie nichts am Hut. Also verschone mich damit! Nur das mit dem Denken, das hat mir gefallen. Das reicht aber auch schon. Du bist hier, um zu sehen hören, fühlen und riechen also empfinden. Keine hochtrabenden Gedankenexkurse Nimm alles wie es ist!“ „Ich werde es versuchen!“ „Oh je, ein schwierige Fall. Er will es vesuchen, sagt er!“ Aus dem Wald kam ein Getuschel und Gekicher und plötzlich schwebte eine niedliche, kleine, blau gekleidete Figur mit! Schmetterlingsflügeln heran. „Was ist das ?“, fragte ich kleinlaut. „Eine Elfe!“, antwortet er von oben herab. „Ich glaub mir wird schwindlig , ich muss mich setzen.“ „Bitte sehr!“, antwortete das Männlein höflich und plötzlich stand eine pitoreske altmodische Gartenbank da, weißt Du, so eine runde, auf der man sich gegenübersitzen kann! Dankbar setzte ich mich und die Elfe kam herangeschwirrt. „Du bist so klein, kannst du dich nicht ein wenig grösser machen, damit ich dich besser sehen kann?“, fragte ich sie vorsichtig. Sie schaute sich fragend nach dem Männlein um und der nickte zustimmend. Die kleine Elfe wuchs und wuchs und im Handumdrehen saß mir ein hübsches Mädchen in einem blauen Gedicht von Kleid gegenüber, das durchsichtig war aber doch nicht durchsichtig. Ich weiss nicht wie ich das beschreiben soll. Sie strömte eine betörenden Duft nach Rosen, Flieder, Jasmin und Maiglöckchen aus. Anders kann ich diese Duftkomposition nicht beschreiben. Vielleicht war auch noch ein wenig Oleander, Gerbera und Fresien mit dabei – einfach alles! „Ich heisse Elfie!“, säuselte sie. „Aha und der schaukelnde Guru ist dann wohl Zwergie?“ entgegnete ich kess, um ihr zu imponieren. Verschreckt schaute sie mich an. „Nicht in diesem ungläubigen Ton!“, rief sie ängstlich und begann augenblicklich zu schrumpfen. „Entschuldige, ich hab das nicht so gemeint! Ich wollte fragen, wie denn der nette kleine Mann dort auf der Pflanzenschaukel heisst.“ sagte ich hastig. Das Schrumpfen hielt ein, allerdings hatte die Elfe jetzt eine Grösse einer Sechsjährigen. Der Stoff des Kleides war immer noch so wundervoll blau aber dicht wie schwere Seide. Sie musste meine Beobachtung bemerkt haben, denn sie sagte.“ Ja die Kleider brauchen ein wenig, um sich anzupassen, deswegen war es vorhin auch so luftig.“ „Gefiel mir besser.“, konnte ich mich nicht erwehren zu sagen. Doch das war zum Glück nicht voll daneben, denn die kleine Elfe kicherte, das Männlein aber räusperte sich hörbar. „Also wie heisst du?“, lenkte ich schnell ab, indem ich mich an das Männlein wandte. Sichtlich erfreut antwortete es: „Gestatten, mein Name ist Zapotek. Stets gerne zu Diensten!“ 

Ich holte erst mehrmals tief Luft. Zu verrückt erschien mir alles. Ich bemerkte auf einmal, dass in diesem Garten ein richtiges feucht-heißes Dschungelklima herrschte und ich daher schweißgebadet war. Ich bekam Durst. „Ich habe Durst“, sagte ich zu Zapotek. „Bitte bedien dich antwortete er höflich und sprang dabei von seiner Schaukel und zeigte einladend auf den Brunnen. ein kleiner Holzeimer stand auch gleich daneben. Ich schaute zuerst in den Brunnen hinein und konnte kein Wasser entdecken. Dann warf ich einen kleinen Stein hinein und horchte auf ein mögliches Echo: nichts.“ „Aha, dem Herrn kommen wieder Zweifel.“, kommentierte Zapotek den Vorgang missmutig. „Die hübsche kleine Elfe hast du aber willig akzeptiert.“ „Das ist doch was anderes.“, protestierte ich lahm. „Wieso was anderes. Beides ist hier, Elfe und Brunnen.“ „Ist schon gut“, antwortete ich beschwichtigend. Dann hängte ich den Eimer an den Haken am Rädchen mit der Kette und liess ihn herunter. Auch jetzt hörte ich nichts. Also doch kein Wasser. Ich wurde bestätigt, als ich den Eimer leer wieder heraufzog. Ich blickte Zapotek an und der zuckte die Achseln und meinte lakonisch: „Wundert dich das?“ Wieder dachte ich: „Alles Blödsinn! Ich habe sicher einen Sonnenstich!“ In diesem Moment schien alles zu verblassen, die Elfe wurde durchsichtiger und durchsichtiger, bis sie völlig verschwand. Das Männlein ebenso und die herrlich kräftigen Farben der Pflanzen wechselten in eine matte braun-weisse Tönung, wie man sie auf alten Fotografien hat. Eine unbekannte Kraft schob mich rückwärts zu der Pforte und dann hinaus zurück in unseren Garten und die Pforte fiel danach krachend ins Schloss. In den nächsten Tagen beschloss ich, um meinen Geisteszustand besorgt, nicht der Versuchung nachzugeben, wieder durch das „Sternentor“ zu gehen, wie ich die Pforte für mich von nun an nannte, in Anlehnung an den Film „Stargate“. Doch je mehr ich versuchte, nicht daran zu denken, umso mehr zog es mich dorthin. Eines Nachmittags dann war der Druck zu groß. Ich musste einfach nachgeben und hastete förmlich zur Pforte. Mit wildestem Herzklopfen drückte ich die Klinke herunter und ging hindurch. Es war genauso wie beim ersten Mal, nur vielleicht ein wenig vertrauter. Ich ging sofort den kleinen Pfad entlang, wo dann hinter einer Biegung der Brunnen zu sehen war und richtig, Zapotek schaukelte auf seiner Liane und rief mir schon von weitem zu: „Hallo, da bist du ja endlich! Wo hast du bloß solange gesteckt?“ Ich murmelte verlegen von Arbeit usw. aber er schien mir nicht zu glauben. „Na Zapotek, was hast du denn heute wunderbares für mich auf Lager?“, begann ich locker, um die Situation ein wenig zu entkrampfen. „Ein Einhorn vielleicht? Allerdings war ich mit der Elfe ganz zufrieden, nur lieber in meiner Grösse.“ Er antwortete: „Einhörner sind out. Die werden nur noch von ein paar Exzentrikern gehalten und was Elfie anbelangt, so glaube ich, dass das keine so gute Idee von mir war. 

Du bist einfach zu heißblütig wie mir scheint. Aber wie wäre es damit für unseren Helden?“ und er schnipste mit den Fingern der linken Hand. In diesem Augenblick hörte ich ein schreckliches Fauchen und Brüllen und ein großer blauschwarzer Panther stürzte auf mich zu. „Bist du verrückt Zapo...“, weiter kam ich nicht, denn ich lag schon unter dem Ungeheuer, das gierig seine Schnauze leckte und zwei Reihen spitzer weisser Zähne zeigte. „So mach doch was Zapotek!“, rief ich verängstigt mit dem Erfolg, dass der Panther noch grösser wurde. „Ich kann da gar nichts machen.“ Antwortete er ungerührt. „Du meinst ja, dass das alles hier nicht existiert. Also sag doch dem Panther, dass es ihn nicht gibt!“ „Danke dir auch vielmals!“, rief ich zurück. Der Panther wuchs inzwischen aber immer weiter. „Ja blase dich nur auf du Scheinkreatur!! Ich habe keine Angst vor dir!“, dachte ich zornig. Im Moment hörte der Panther zu fauchen auf und schien auch sonst irgendwie leblos. Ich konnte sogar aufstehen und ihn hochschleudern und sah, dass er diesen riesigen aufblasbaren Essotigern auf manchen Tankstellen ähnelte. Allerdings war es ein blau-schwarzer Panther. Er war auch nicht mit einem leichten Gas gefüllt, sondern wahrscheinlich nur mit Luft, denn er kam jetzt wieder zurückgefedert, wobei eine seiner riesigen Pranken auf meinem Kopf landete und mich zu Boden schleuderte. „Für einen Gummipanther bist du aber ganz schön aggressiv!“, schrie ich ihn an. „Warte ich pickse ein Loch in dich und dann hat es sich ausgepanthert. Wo ist bloß etwas spitzes, eine Vogelfeder vielleicht.“ Da kam mir eine Eingebung. Ungeachtet der Tatsache, ob Zapotek dies billigen würde rief ich laut: „Elfie, Elfie, ich brauche deine Hilfe. Bring doch bitte geschwind eine große spitze Vogelfeder!“ Nach ein paar Minuten, während derer ich weiter einen Don Quichotte-Kampf gegen den Gummipanther kämpfte, hörte ich ein leises Schwirren und die kleine Elfe kam mit einer viel zu großen bunten Vogelfeder angeflogen. Sie war für sie so schwer, dass sie teilweise einen abenteuerlichen Zick-Zack-Kurs steuerte, so dass ich schon Angst bekam, sie stürze ab. Doch dann liess sie sie direkt vor meine Füsse fallen und damit flatterte sie graziös zu Zapotek und setzte sich neben ihn auf die Lianenschaukel. Schnell hob ich die Feder auf und als der Panther das nächste Mal herunterschwebte, hielt ich sie wie ein römisches Kurzschwert auf ihn zu und stach ihn mitten in den Bauch. Erstaunlicherweise riss die Feder eine verheerende Wunde in die Gummihaut und augenblicklich entwich die Luft mit einem lauten Zischen. Für den kleinen Zapotek war dies ein regelrechter Orkan und er klammerte sich krampfhaft an die Liane, die wild in der Gegend herumflatterte, um nicht hinweggeweht zu werden. Elfie empfand das alles aber als einen Heidenspass und liess sich von dem Luftstrom hochwirbeln um sich dann in wilden Pirouetten wieder herunterzustürzen. Dabei quiekste sie vor Freude, juchzte und kicherte. Als sich der „Sturm“ gelegt hatte, setzte sich Zapotek wieder auf die Schaukel, rückte seinen Kneifer zurecht, hatte ich noch nicht erwähnt? Also er trug einen Kneifer auf seiner großen Hakennase und den rückte er zurecht räusperte sich und sagte: „Nun mein Freund, das nächste Mal aber bitte etwas geruhsamer.“ Ich protestierte sofort. „Wie bitte, ich hör wohl nicht recht! Wer hat den hier die wilden Tiere auf mich gehetzt?“ „Na ja so wild war de Panther aus Gummi doch wohl nicht!“ „Wie bitte“, gab ich zurück, „der war doch am Anfang ganz schön real!“ „Papperlapapp, nichts ist hier real!“ entgegnete da Männlein kategorisch. Das war mir dann doch zu viel. Ich hatte wild gekämpft, es war drückend heiss, war zudem vollkommen verschwitzt und hatte plötzlich einen brennenden Durst. „Ich muss erst einmal einen Schluck Wasser trinken, bitte.“ Zapotek gab darauf den Brunnen frei und ich warf den Schöpfeimer hinunter und hatte als ich ihn wieder hochgezogen hatte, das köstlichste wunderbar kühle Quellwasser der Welt vor mir. Ich konnte mich gar nicht satt trinken. „nun mal nicht so hastig!“, rief da das Männlein. „Aber siehst du was Glaube vermag?! Das letzte Mal war dein Eimer leer.“ „Das war aber auch anders“, meinte ich. Jetzt ist alles viel wirklicher.“ „Hört, hört!“, rief da auf einmal ein wunderschön mit Moos bedeckter Baumstumpf aus. „Heute sind wir wirklicher!“ „Ach nun sei doch nicht so ein Stoffel!“, erwiderte ihm eine betörend duftende rotgelbe Blume. „Ja du musst immer stänkern!“, pflichtete ihr ein ansprechender kleiner Fliegenpilz bei. „Ich stänker doch gar nicht!“, antwortete der Baumstumpf in seinem tiefen Bass. „Tust du doch, tust du doch, tust du doch!“, plärrte eine grüne Fliege mit einer großen braunen Hornbrille bei ihrem etwas plumpen Anflug auf den Baumstumpf, der auch in einer halben Bruchlandung endete, so dass die Brille fast herunterfiel. Es passierten noch mehr solcher verschrobenen und wunderlichen Dinge bis ich ausrief: „Ja was ist das denn hier!? Wer seid ihr denn alle?“ „Wir sind Märchen“, antwortete der Baumstumpf. „Wir sind Fabel.“, flötete die Elfe. „Wir sind Wunder!“, schnurrte der wiedererstandene, aber jetzt in handlicher Katzengrösse herangeschlichene Panther. „Wir sind Du!“ faßte Zapotek zusammen und bemühte sich dabei so wissenschaftlich wie möglich auszusehen. „“Und wir sind eigentlich unsichtbar und nicht da, wie du schon sagtest, aber doch sind wir da. Für alle Menschen, denn jeder hat seine Gartenpforte. Er muss sie nur zu öffnen wissen und dann diese kleine Zauberwelt entstehen lassen. Wir, das Unwahrscheinliche, Wunder, das Unmögliche, begleiten die Menschen auf Schritt und tritt – die meisten sehen uns nur nicht, wie du bis vor kurzem. Wenn man aber versteht, die hinter jedem Stein verborgenen Wunder zu sehen, dann wird der Alltag nie mehr so grau sein wie früher und keine Situation unlösbar, kein Widersacher zu stark. Der wird dann mit unserer Zauberkunst zu einem aufgeblasenen Gummimännchen, in das man nur hineinpiecksen muss, zu einem Papiertieger, den man einfach zusammenknüllen kann. So groß ist unsere Macht.“ 

 Ja was soll ich sagen. Als ich durch die Pforte zurückkam, war ich ein anderer Mensch. Für mich ist jetzt nichts mehr unumstösslich, zu groß, zu klein, zu wichtig, zu unbedeutend. Alles hat nun seinen Platz. Versuch es doch auch einmal, das verborgene Türlein in dir zu entdecken, zu öffnen und auch hindurchzugehen.. Du wirst staunen, was Du dann erlebst!“ 

 Miranda 

 Heute habe ich vor, dir eine ganz besonders eigenartige Begebenheit erzählen, die mir vor Kurzem widerfahren ist. Halt mich deswegen aber nicht für verrückt, denn es klingt alles schon ein wenig sonderbar. Aber ich schwöre Dir, es hat sich haargenauso abgespielt, wie ich es dir jetzt berichte. Also nach einem langen Tag, war ich froh, in mein warmes Bett kriechen zu können und bin auch sofort eingeschlafen. Doch nach ungefähr zwei Stunden, es muss so um die Mitternacht gewesen sein, wurde ich wach, weil mir irgendwie kalt war. Ich schaltete das Licht an, und holte einen kleinen Heizofen, um das Zimmer etwas durchzuwärmen, obwohl es Anfang Juni war. Doch manchmal werden die Nächte unvermutet kalt, vor allem bei dem kaputten Klima, das wir ja jetzt leider haben... Eigentlich erschrak ich nicht so richtig, sondern konstatierte das, was ich jetzt erzähle, mehr von außen, wie einen Film, den man sich ansieht. Neben mir im Bett lag in einem langen, weißen, nachthemdähnlichem Gewand eine durchaus hübsche aber unnatürlich bleiche junge Frau. „Hei, wer bist du denn?“, sprach ich sie gleich etwas persönlich an, wenn sie denn schon in meinem Bett lag. Ich wusste aber nicht, wie sie dahin gekommen war und versichere Dir, ich hatte nichts getrunken und niemand hat mir einen Joint oder so etwas ähnliches gegeben, so dass ich mich vielleicht nicht mehr erinnerte, wie und mit wem, wenn überhaupt mit jemanden, ich ins Bett gegangen war. „Ich bin ein Gespenst!“, antwortete sie knapp. „Kümmer dich nicht weiter um mich. Ich gehöre eigentlich gar nicht hierher.“ „Da sind wir einer Meinung. Was machst du denn aber hier. Vor allem, warum liegst du hier im Bett. Es ist nach Mitternacht, müsstest du da nicht ein wenig herumspuken?“ „Ganz recht“, antwortete das bleiche Mädel, „aber nicht hier.“ „Fein, dann tu doch verdammt noch mal deine Arbeit und spuke da, wo du spuken sollst und lieg nicht hier neben mir herum. Du strömst nämlich eine eisige Kälte aus.“ „Oh, das wusste ich nicht. Hat mir noch nie jemand gesagt. Muss wohl daran liegen, dass ich schon seit 300 Jahren tot bin.“ „Ja sicher, aber jetzt, wo du es weisst, könntest du bitte mein Bett verlassen.“, entgegnete ich wenig charmant. Das muss mein Gespenst auch so empfunden haben, denn es antwortete beleidigt: „Das hat zu mir noch kein Mann gesagt! Es scheint so, dass man in eurem Jahrhundert, keinen Sinn mehr für gepflegte Umgangsformen hat!“ „Nun, da hast du sicher Recht, aber ich glaube auch ein paar hundert Jahre vorher wären die Männer sicher nicht erbaut gewesen, solch eine eiskalte Braut wie dich, im Bett zu haben. Mit Sicherheit warst du aber auch ein paar Grade wärmer gewesen... Aber jetzt entscheide dich, ob du selber aussteigst, oder ob ich dich rauswerfen soll.“ „Du bist ein Flegel. Ich sollte dich doch dafür zur Strafe gewaltig erschrecken!“ „Mehr als der status quo kann es bestimmt nicht sein. Dann schweb von mir aus mit dem Kopf unter dem Arm durch das Zimmer, aber sei dabei bitte leise!“ Da fing sie plötzlich an, herzerweichend zu weinen. „Du bist so etwas von gemein! Kannst du nicht verstehen, dass ich nach all den Jahren auch wieder einmal in einem Bett liegen wollte. Ich musste doch immer diese entsetzlich steilen, knarrenden Stiegen herauf- und herunterlaufen und dabei fürchterlich stöhnen.“ Ich entgegnete: „Ja und warum tust du es dann nicht? Allerdings habe ich die erforderlichen Requisiten momentan nicht hier. Knarrende Stiegen sind zur Zeit auch nicht gefragt.“ „Ich tu es nicht, weil es hier nicht der richtige Ort ist.“ „Hab ich doch gleich gesagt, dass du fehl am Platze bist, schöne Frau. Schön bist du ja, wenn nur ein wenig zu tot. Wie heisst du eigentlich?“ „Miranda.“, sagte sie jetzt mit neckischem Augenaufschlag, „und ich gehöre eigentlich auf Schloss Aldrige in Wales. Ich bin hier, weil ich nach meinem Urlaub in eine falsche Zeitbahn gestiegen bin.“ „Und“, sagte ich, immer noch auf meinen Schlaf bedacht, „warum nimmst du nicht den nächsten Zug nach Aldrige? Wieso hattest Du, kannst Du eigentlich Urlaub machen?“ „Oh je, ihr Sterblichen! Erstens, warum soll ich keinen Urlaub haben dürfen und zweitens, fürchte ich, dass, wenn ich überhaupt einen „Zug“ fände, wie du es nennst, das Raum-Zeit-Kontinuum noch größeren Schaden annehmen würde, als es jetzt sicher schon getan hat. Ich mag mir gar nicht ausmalen, was da alles auf Aldrige passiert sein könnte, weil ich nicht zurück bin! Ehrlich gesagt hab ich davor auch ein wenig Angst. Sir Edward, mein vor ungefähr 500 Jahren verstorbener Vorgesetzter ist so etwas von pingelig, das glaubst du gar nicht!“ Völlig perplex antwortete ich nur: „Miranda, das ist ja alles schön und gut, aber können wir das bitte morgen diskutieren. Ach so, du bist ja eine Nachteule! Trotzdem heute bin ich einfach zu geschafft.“ Ich hoffte insgeheim, dass ich alles nur geträumt haben würde und das am nächsten Tag nichts mehr von Miranda da wäre. Sie nickte jetzt zu meinem Erstaunen nur verständnisvoll und hauchte. „Tut mir leid, wie unaufmerksam von mir. Du brauchst ja als Sterblicher deinen Schlaf. Ob ich in dieser Entität auf ein Dasein nur nachts beschränkt bin, weiss ich nicht. Hat ja meines Wissens auch noch niemand ausprobiert.“ Dabei kicherte sie verschmitzt „Ich husch dann mal eben schnell in den Wandschrank.“ Sprach´s und zerfloss vor meinen Augen. Beim Einschlafen dachte ich noch, dass das doch nicht wahr sein könne: „sie schließt es nicht aus, auch tagsüber zu existieren oder wie man das nennen mag!“ 

 Am nächsten Morgen hatte ich die nächtliche Begegnung fast vergessen, doch als ich ins Wohnzimmer trat, schwebte in ungefähr einem Meter über dem Boden, im Schneidersitz hockend, das lange Gewand malerisch um sie herum drapiert Miranda, mein Gespenst. „Guten Morgen Francesco“, sagte sie zu mir, „hast du den Rest der Nacht wenigstens gut verbracht?“ Ich antwortete, die Tatsache der Unmöglichkeit ihres Daseins völlig ignorierend „Danke der Nachfrage. Es ging so. Habe wirres Zeug geträumt – oder auch nicht, denn du bist ja noch da. Woher weisst du überhaupt meinen Namen?“ Kokett erwiderte sie: „Wie schmeichelhaft! Du hast von mir geträumt!“ „Unsinn, du bist mein Traum“, entgegnete ich und meinte es natürlich so, dass ich nicht von ihr geträumt hatte, sondern sie ja da gewesen war. Sie aber fasste es unglücklicherweise ganz anders auf. „Ich wusste ja, dass du ein Edelman bist! Das habe ich sofort gespürt. Danke dir für das schöne Kompliment! Was deinen Namen anbelangt, so musst du wissen, das ich weitaus mehr kann als nur herumschweben oder schauerlich Stöhnen. Deshalb hat mich der vorige Job auch nicht ausgefüllt. Ich konnte mich da überhaupt nicht selbst verwirklichen.“ „Um Himmels Willen, was faselst du denn da! Woher hast du diesen feministischen Quatsch?“, rief ich laut. 

 „Das ist nicht von mir.“, erwiderte sie. „Du hast hier in deinem kleinen Rittersaal, der ja auch einen runden Tisch hat, wie es sich gehört, eine Art flache Kristallkugel oder Goldfischglas in dem Menschen umherschwimmen und reden.“ Ich muss wohl den Fernseher angelassen haben, dachte ich und richtig da lief er noch im Hintergrund. Ich machte ihn aus, worauf sie entsetzt ausrief: „Was tust du, Unglücklicher! Du hast den Blick in die Zeit zerstört!“, womit sie nicht ganz Unrecht hatte, „und all die Menschen in dem Glas vernichtet.“ „Keine Angst, so schlimm ist es nicht, obwohl die Wesen die dort auftreten nicht wirklich sind und ausserdem keine Daseinsberechtigung haben in meinen Augen.“, entgegnete ich. „Du meinst, es sind auch Gespenster wie ich oder solche, die auf ihre Strafe warten?“, fragte sie wissbegierig. Geduldig antwortete ich: „In gewissen Sinne können sie einem schon zum Gespenst werden, wenn ich da nur an den Stoiber und die Merkel denke...“ Sie fiel mir sofort ins Wort. „Ein Rittersmann und sein Fräullein, in unglücklicher Liebe verbunden?“ Worauf ich: „So könnte man es ausdrücken. Aber ganz so romantisch wie du denkst, geht es bei uns nicht mehr zu. Ich erkläre dir das später mal, wenn du denn noch da bist.“ Darauf sie: „Warum sollte ich nicht da sein. Es gefällt mir außerordentlich gut hier!“ „Und an mich denkst du dabei gar nicht?“, versuchte ich einzuwenden. „Wieso, magst du mich nicht? Du hast doch gesagt, dass ich hübsch sei. Muss ich denn wieder traurig werden?“, war ihre umwerfende Antwort. Schnell gab ich zur Antwort: „Bloss nicht das. Nicht wieder diese Gefühlsausbrüche! Natürlich bist du hübsch und ich freue mich, dass du da bist.“ Erleichtert konstatierte ich, dass ich so Mirandas wolkenbruchartige Tränenflut verhindert hatte. Allerdings kam es vielleicht noch schlimmer: „Dann bin ich dein edles Fräullein und du mein in Minne entbrannter Rittersmann?“ Was sollte ich machen, ich nickte leicht und sofort glitt sie von ihrem unsichtbaren Diwan und gab mir einen fast schmerzhaften Kryokuss. „Miranda“, versuchte ich vorsichtig, „nimm es mir nicht Übel, aber deine Küsse sind wie Eiswürfel. Kannst du dich nicht wenigsten ein paar Grad aufheizen?“ „Ich weiss nicht, vielleicht geht das in dieser Dimension besser. Ich werde es versuchen. Jetzt verstehe ich, warum Sir Edward uns Geistern jeglichen näheren Umgang mit den Lebenden strengstens verboten hatte. Er meinte es also gar nicht so überheblich, wie ich bisher annahm.“ Die Zeit drängte, denn ich erwartete Besuch und daher schob ich Miranda sachte beiseite und sagte: „Gut Miranda, mein Minnefräulein, nachdem das jetzt geklärt ist, muss ich dich bitten zu verschwinden, denn ich bekomme gleich Besuch.“ „Du schämst dich doch nicht ob unserer Minne?“ „Nein bewahre, das würde mein Besuch aber nicht verstehen.“, gab ich zurück. Sie meinte daraufhin verständnislos nur: „Wieso?“, und ich war wieder am Zug: „Miranda, in meiner Dimension, wie du es ausdrückst aber auch in Eurer glaube ich, schweben die normalen Menschen nicht in weißen Gewändern umher und verteilen eiskalte Küsse.“ „Ah, ich verstehe, ich soll so tun als ob ich eine Sterbliche wäre. Wie aufregend!“, antwortete sie begeistert. Erleichtert entgegnete ich: „Du bist wahrhaft ein kluges Mädchen. Daher siehst du auch sicher ein, dass du so nicht hier auftreten kannst.“ Sie antwortete hingebungsvoll: „Du hast Recht mein Ritter. Wie vorausschauend du doch bist. Dann gib mir ein Gewand deiner Dienstmagd, obwohl das nicht meinem Stande entspricht. Doch was tut man nicht aus Minne...“ 

„Miranda, ich habe keine Dienstmagd!“, rief ich verzweifelt aus. Erschrocken schaute sie michan und meinte: „Kein Knappe, keine Magd, was für ein schreckliches Schicksal hat dich denn getroffen, mein Ritter. Bist du gar ein Edelmann in der Verbannung?“ Ich denke, dass ich mich geschickt aus der Affaire gezogen habe mit der Bemerkung: „Sind wir denn nicht alle verbannte Kinder Evas?“, denn daraufhin war sie erst einmal ruhig.“Doch warte mal Miranda, da Du ja absolut keine Anstalten machst, Dich zu verstecken, glaube ich, eine Lösung gefunden zu haben. Ich gebe Dir das grüne Seidenkleid meiner Schwester, das ich für sie aus der Reinigung abgeholt habe. Es ist zwar ein Abendkleid, aber zeitlos. Schuhe habe ich nicht aber hier kannst Du getrost barfuß laufen. Ich wiederhole: laufen und bitte nicht schweben! Dann müssen wir noch etwas gegen Deinen bleichen Teint tun. Versuch es einmal mit dieser Bräunungscreme, die auch einen Tönungseffekt hat.“ Willig folgte Miranda meinen Anweisungen und schon klingelte es an der Tür. Was habe ich da durchgestanden, sage ich Dir. Aber alles verlief nach Plan. Miranda musste ich wohl oder übel als meine Freundin vorstellen und bekam dafür von Hannes, meinem Freund, anerkennende Seitenknuffe. 

„Du Schurke, Du hast uns da ein Kleinod verborgen! Wo habt Ihr Euch überhaupt getroffen, denn ich habe sie noch nie gesehen. „Ach, sie kam einfach hereingeschwebt“, sagte ich wahrheitsgemäß, aber die Wahrheit wird einem ja sowieso nie geglaubt... Nach und nach ordnete sich Miranda immer mehr in mein Leben ein, Ich kaufte ihr neue Kleider und brachte ihr die modernen Tischmanieren bei und sie lernte brav vorzugeben, die Speisen wirklich zu essen, denn sie brauchte ja keine Nahrung – eigentlich sehr praktisch. Aber so konnten wir auch zusammen essen gehen.. „In die Luft“ ging sie nur noch, wenn sie sich über irgendetwas ärgerte, aber das trat immer seltener ein. Nach und nach nahm sie das Essen auch wirklich mit Genuss zu sich und ihre Hautfarbe veränderte sich zusehends ins Rosige. Auch ihre Körpertemperatur nahm erfreulicherweise zu. Was meinst Du? Die Küsse? Ja die sind auch nicht mehr kalt, im Gegenteil. Ich konnte daher auch ihrem Wunsch nicht widerstehen, wieder das Bett mit mir zu teilen, wofür ich mit leidenschaftlichen Liebesnächten belohnt wurde. Ihr sehnlicher Kinderwunsch schien mir dann nach so einer Nacht nicht mehr so absurd wie vorher. Wie dem auch sei, heute kann ich mir ein Leben ohne Miranda gar nicht mehr vorstellen. Ich denke, dass sie vielleicht ein materialisierter Traum ist. Und da soll noch einer sagen, dass Träume nicht wahr werden können! 

 Das Traumbäumchen 

 „Ja die Träume sind auch nicht mehr das, was sie früher waren.“, sagte gestern ein älterer Herr an der Espressobar zu mir. „Wem sagen Sie das!“, schaltete sich da eine malerisch wie eine Zigeunerin gekleidete gut aussehende Frau um die 45 ein. „Ich bin doch gewissermaßen vom Fach, da ich ja auch Träume verkaufe. Ich komme aber immer schlechter an gute Ware heran!“ „Ach unsere Esmeralda!“, tönte es von einem Tisch an der Ecke. „Du mit deinen Karten und der Glaskugel!“ „Kristallkugel!“, verbesserte sie schnippisch. „Papperlapapp, Kugel bleibt Kugel, auch wenn du mir wieder lang, den nicht erkennbaren Unterschied erklären willst!“ „Was soll ich denn machen!? Ich lebe ja wirklich davon! Früher konnte ich sie ganz einfach von den Bäumen pflücken oder sie lagen direkt auf der Wiese. Ja ich konnte sie beinahe wie meine Urgroßmutter in Pommern die Grünlinge mit der Harke zusammenkehren!“ „Entschuldigung“, wandte ich ein, „Grünlinge sind doch so viel ich weiß Pilze.“ „Ja und?“ „Nun Pilze harkt man doch nicht zusammen! Die werden gesammelt! Im Körbchen, im Wald oder auch auf der Wiese!“„Mein lieber junge Freund“, entgegnete der Unbekannte, der nicht älter aussah als ich, „wie alt sind Sie denn, ich schätze mal um die 50-60? Dann können sie gar nicht wissen, wie üppig die auf den Wegen in Pommern wuchsen! Aber egal! Heute bekommt man ja doch fast nur noch Champignons und Austernpilze oder ähnliches aus der Zucht! Frei wachsen tut ja eh kaum ein Pilz mehr!“ „Wo denn auch“, unterstützte ihn der erste, der mich angesprochen hatte. „Es gibt ja kaum mehr intakte Wälder und das mit den Traumbäumen kannst du sowieso vergessen. Die sind ausgestorben!“ „Ganz richtig!“, pflichtete die bunte Frau bei. „Alle verdorrt. Es gibt nur noch die Alptraumbäumchen. Sind eigentlich mehr Hecken. Die vermehren sich wie Unkraut!“ „Ja an Alpträumen mangelt es nicht!“, pflichtete der Mann am Tisch bei. „Doch was sollen wir damit? Die braucht man auch gar nicht zu pflücken. Bei jedem Windstoß werden Hunderte wie die Samen der Pusteblume in die Luft gestreut!“ „Und woher kommen dann die anderen Träume?“, fragte ich verstört. „Ach die wachsen in genmanipulierten riesigen Monokulturen auf minderwertigen aber widerstandsfähigen Pflanzen. Sind glaube ich nicht einmal Bäume sondern nur Büsche!“, antwortete der Experte am Tisch. „Oder sie werden künstlich hergestellt und kommen aus den sog. Traumfabriken. Traumfabriken!“, bemerkte mein erster Gesprächspartner mit Kennermiene. „Ui!“, meinte die Frau mit schmerzverzerrtem Gesicht. „Eine ganz böse Sache ist das. Da kann man sich wirklich die Seele mit verderben! Schlimmer als eine Pilzvergiftung manchmal, um auf dein Beispiel mit den Pommernpilzen zurückzukommen, Samuel, mein lieber alter Freund.“ zu dem Experten gewandt. Der fing den Ball auch geschickt auf. „Ja so eine Traumvergiftung, damit ist nicht zu scherzen! Das einzige Gegenmittel sind ein paar gute, echte alte Träume. Doch wo findet man die heute schon?“

„Da wüsste ich Abhilfe.“, mischte sich da ein freundliches, kleines rundes Mönchlein in brauner Franziskanerkutte, das ich bis jetzt noch gar nicht bemerkt hatte, in die Diskussion ein. „Wir haben an unserem Kloster „La Rondinella“, eigentlich heißt es ja „La Rondinella della Santissima Madre del Nostro Signore Jesu Christo“, aber das ist zu lang, also wir haben dort ein Erholungsheim der Träume angeschlossen. Es wird von uns betreut, trägt sich aber selber, da es in Form eines privaten Clubs organisiert ist, wo man natürlich auch nicht sofort Mitglied werden kann. Außerdem haben war auch noch ein paar ganz edle, wirkliche Traumbäumchen.“ „Wie kommt es, dass man und vor allem wir, die wir ja beruflich mit Träumen zu tun haben, es noch nicht kennen?“, fragte Esmeralda ein wenig pikiert. Das Mönchlein antwortete: „Gute Frau, ihr bekommt vom Herrn das, was ihr braucht. Manchmal allerdings gibt er, um uns zu prüfen, auch zu viel. So viel, dass es uns schaden würde, wenn wir nicht bereit sind das Erhaltene aufzugeben wie der „Poverello“, der heilige Franziskus von Assisi. Die meisten, der im Überfluss lebenden allerdings sind gar nicht dazu bestimmt alles aufzugeben. Für sie reicht schon, wenn sie einen kleinen Teil opfern, aber die Bereitschaft zeigen, wenn es notwendig sein sollte, dann doch alles hinzugeben. Wie sagt der Herr? „Umsonst habt ihr alles erhalten, umsonst sollt ihr es weitergeben!“ Wir beobachten euch, gute Frau, allerdings schon eine kleine Weile. Jetzt ist eure Zeit gekommen. Die Frage, warum es allgemein nicht bekannt ist, werdet ihr euch selber beantworten können, wenn wir da sind. Folgt mir also!“ Mit diesen Worten ging er zur Tür hinaus und die ganze „Traumcrew“ folgte ihm wie Küken der Henne, mich eingeschlossen. Vielleicht hatte er mich nicht bemerkt, dachte ich zunächst, verwarf aber diese Vorstellung gleich wieder als unwahrscheinlich. Nicht ausgeschlossen war, dass ich aus irgendeinem Grund auch auserwählt wurde... Dieser Gedanke gefiel mir sehr viel besser. Auserwählt, das hat doch was! Wir marschierten stramm gut zwei Stunden erst durch ein paar verwinkelte Gassen und dann einen endlos langen steilen steinigen kleinen Bergweg hoch. Alle waren wir schweißgebadet und der Erschöpfung nahe, als dieser kleine runde Mönch immer noch vollkommen munter federgleich den Berg hochkugelte. 

 Doch da sahen wir endlich in der Ferne, einer riesigen Festung gleich, auf der Spitze des Monte Desiderio, wie diese Prüfung der Leistungsfähigkeit sich nannte, die majestätischen Umrisse von anscheinend uralten Klostermauern. Bald konnte man dann auch den Campanile, den Glockenturm der Klosterkirche sehen. Jetzt verstand ich den Namen des Klosters! Wie eine jubilierende Schwalbe an einem schönen klaren Sommertag stieg der Campanile in das Blau des Himmels empor! Wie eine Schwalbe jubilierten auch wir, allerdings mit letzter Kraft, dass wir nach dreieinhalb Stunden anstrengender Wanderung endlich am Ziel angelangt waren! Nach freundlicher Begrüßung durch den Prior und einer erfrischenden eisgekühlten Zitronenlimonade, führte uns das Mönchlein in den Klostergarten, der auch die „IGT, Die Internationale Gesellschaft der Träume, e.V.“ beherbergte. In der Mitte stand ein im wahrsten Sinne des Wortes traumhaft gewachsener riesiger Baum, dessen Blätter einen intensiven aromatischen Duft ausströmten. Er wirkte wie eine Mischung aus Magnolie, Feigen- und Gummibaum. Er war übersät mit großen halbtransparenten glas- oder seifenblasenähnlichen Kugeln, die an die Bilder von Hyronimus Bosch erinnerten, allerdings ohne seine schrecklichen Visionen. Soweit ich es erkennen konnte, waren sie angefüllt mit bunten schillernden Welten voller Blumenfelder, Schmetterlingen und Kolibris.“Sind das Träume?“, fragte ich zaghaft das Mönchlein. Bevor es antworten konnte, riefen schon alle durcheinander: „Oh wie wunderschön, hier gibt es sie ja noch, die echten guten Träume!“ „Ja meine Freunde, hier gibt es sie noch, aber wie ihr seht, benötigen sie einer besonderen Umgebung, um zu gedeihen und liebevoller, andächtiger Pflege. Das hier sind die guten allgemeinen Träume, die wir an die Mitglieder unserer Gesellschaft in der ganzen Welt versenden. Die fliegen auch nicht einfach sie davon, wie die erwähnten Unkrauttäume. Sie müssen sorgfältig einzeln zum richtigen Zeitpunkt von Hand gepflückt werden. Gewiss, es kommt vor, dass sich doch einmal eine Kugel von alleine löst und davonschwebt. Doch das rechnen wir dann der göttlichen Vorhersehung zu und lassen sie ungehindert ins Tal hinunterfliegen. Dann sind da noch die aufmunternden und zum Durchhalten geschaffenen Träume. Die schicken wir an die vielen Waisenhäuser und Elendsviertel in der Welt. Wir achten hier ganz besonders auf einwandfreie Qualität, denn Träume sind alles, was diese Unglücklichen haben... 

Und hier haben wir den eigentlich geschlossenen Mitgliederbereich, aber kommt ruhig mit, denn von Zeit zu Zeit führe ich die Antragsteller für eine Aufnahme auch hindurch.“, und damit öffnete Pater Benedetto, wie er sich nannte, eine kleine schmiedeeiserne Pforte, die in eine wundervoll mit Efeu, Glyzinien und Wein bewachsene Natursteinmauer eingelassen war. „Hier erholen sich die Helden der Fabeln und Legenden, die auch die Träume der Menschen bevölkern, ja sogar Teil des kollektiven Unterbewusstseins darstellen, wie es C. G. Jung getauft hatte.“, erläuterte er das unglaubliche vor unseren Augen sich öffnende Schauspiel. Glaub es oder lass es bleiben, aber gleich vorne, an einem kleinen runden Marmortisch sah man den gestiefelte Kater mit Kapitän Ahab beim Schach. Weiter hinten spielten Schneeweißchen und Rosenrot mit Jung Siegfried Blinde Kuh und auf einem Volleyballfeld traten Rotkäppchen und der Wolf friedlich vereint zusammen mit Schneewittchen und Zwerg Nase gegen Rumpelstilzchen, Klein Zaches, Micky Mouse und den Roten Korsaren an. Die Kröte Glühbalda saß auf einem dieser langbeinigen Tennisrichterstühle, weil sie ja sonst nichts mitbekommen hätte, und verteilte laut quakend die Punkte aber auch Rügen wegen Regelverletzungen. „Wie ihr seht, ist dies kein arroganter VIP-Club. Wir haben hier Märchen, Fabeln und Legenden aus allen Ländern und Zeiten als Mitglieder, sogar die modernen „Toones“, also die Comicfiguren. Doch für eine Neuaufnahme reicht nicht nur die momentane Popularität, wie sie heutzutage schnell durch die geschickte Werbung der Hollywood-Industrie geschaffen werden kann. Sie muss erstens wenigstens ein paar Jahrzehnte angehalten haben und dann sollten auch gewisse ethische Werte mit dem Protagonisten in Verbindung gebracht werden. Gewaltverherrlichung und videospielartiges Geballere kommt erst einmal auf den Index.“ „Aha, verstehe“, wandte ich ungefragt ein, aber ich war viel zu interessiert, um mir meiner untergeordneten eigentlich „Nur-Zuschauer-Rolle“ bewusst zu werden. „Deswegen sehe ich dahinten auch Bambi, aber nicht Darth Vader oder Zorro!“ Meines schlechten Benehmens in dem Moment bewusst geworden vernahm ich umso erstaunter die freundliche Antwort Don Benedettos: „Ganz richtig mein Sohn! Wir haben eine große Warteliste, die hauptsächlich mit ziemlich eingebildeten modernen „Helden“ angefüllt ist, wie „Indiana Jones“ oder „Dr. Jekyll“. Aber auch schon etwas ältere, aber dank Hollywood immer noch populäre blutrünstige Figuren wie „Graf Dracula“ warten hier vergebens auf Einlass, während Sherlok Holmes und Dr. Wattson sowie Superman gerade vorige Woche aufgenommen wurden...“ „Entschuldigt Pater“, erdreistete ich mich aufs Neue. „Das mit den Träumen und deren Kultivation habe ich in Grundzügen ja noch verstanden, aber der Sinn dieses Sanatorium für Fabelwesen ist mir unklar.“ Freundlich erwiderte das Mönchlein abermals: „Das ist doch ganz einfach. Wir pflegen hier ihr Andenken, damit sie weitgehend unverfälscht in die etwas komplexeren Traumgebilde mancher Menschen Eingang finden können. Es sind dies ja nicht nur die Träume der Nacht, die wir betreuen, sondern auch die Tagträume, die Hoffnungen und Sehnsüchte so vieler. Manchmal hilft das Vorhandensein einer solchen parallelen Traumwelt, die Last des Daseins leichter zu ertragen oder sie gibt Kraft und unverhofften Mut mit schwierigen Situationen fertig zu werden. Nicht jeder hat die Glaubensfestigkeit unser Heiligen und Märtyrer unverzagt auf Gottes Beistand oder den seiner Engel zu vertrauen. Doch wenn du ein Kind vom Ertrinken rettest, weil du im Moment des Sprunges von der hohen Brücke in das eiskalte Wasser glaubtest du seiest Superman, was ist daran schlecht? Du warst ja in diesem einen kurzen Augenblick auch wirklich Superman! Oder wenn du zwei Hundewaisenkinder aus dem Tierheim rettest, weil du meinst, sie seinen Susi und Strolch und könnten eine glückliche Hundefamilie bei dir gründen, dann sind das eben Susi und Strolch.“ Ich hatte aber ein klein wenig Bedenken, dass die ganze traumbedürftige Welt von hier aus versorgt werden könne, denn auch wenn dieses Kloster enorme Ausmaße hatte, schien es mir dafür doch zu klein. 

Pater Benedetto entgegnete schmunzelnd: „Gut durchdacht mein lieber junger Freund, doch es reicht. Du siehst dieses Kloster und auch jeder andere, der sich auf die beschwerliche Suche macht. So hat jeder gewissermaßen sein eigenes Kloster. La Rondinella gibt es überall und für jeden auf der Welt. Physikalisch könnte man es mit den parallelen Universen erklären, aber das würde nicht den Kern treffen...“Ich verlebte noch einen paradiesischen besinnlichen Sommerabend im Klostergarten und dann, als die Nacht ihren Traummantel um die Erde legte, stieß ich ganz zufällig an eine dieser Seifenblasenkugeln des Traumbäumchens und – unversehens war ich von ihr umhüllt. Als ich am Morgen erwachte, wusste ich nicht mehr, ob ich wirklich in La Rondinella war, oder ob alles nur ein wunderbarer Traum gewesen war. Aber ist das eigentlich von Bedeutung?

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